Emotional unabhängig

Ist es nicht schon seltsam, welche Auswüchse es in der deutschen Sprache gibt?

Und vor allen Dingen, was wird damit zum Teil einfach nur schön geredet oder sogar in sein Gegenteil verkehrt? Ich denke dabei ganz spontan an diverse „Unworte des Jahres“, die in der Vergangenheit gekürt wurden, wie sozialverträgliches Frühableben (1998), Humankapital (2004), Entlassungsproduktivität (2005) oder betriebsratsverseucht (2009), um nur einige zu nennen.

Hier werden Worte gefunden, erdacht und verwendet, die letztlich nicht die Wahrheit widergeben, sondern sie vertuschen und verschleiern. Dabei fällt mir Matthäus 5, Vers 37 aus der Bibel ein: „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.“

Genau das geschieht aber in den genannten Beispielen. Hier werden Tatsachen eben nicht beim Namen genannt, sondern beschönigt, damit „man“ selbst besser dasteht. Das ist alles andere als „Ja, ja; nein, nein“. „Entlassungsproduktivität“. Das heisst also, Menschen zu entlassen, um letztlich die Divenden der Aktionäre zu erhöhen, was in diesem Fall ja auch tatsächlich der Hintergrund dieses Wortkonstruktes darstellt und damit an sich erst einmal eine zumindest ethisch fragwürdige Angelegenheit darstellt, wird durch den Zusatz „Produktivität“ in ein positives Handeln des Ausführenden verwandelt. In meinen Augen war deshalb dieses Wort zu recht „Unwort des Jahres“. Schaut man genau hin, tun sich echt Abgründe auf.

Und so ist mir vor einigen Tagen ein Ausdruck untergekommen, der mich seit dem immer wieder beschäftigt. Das heisst für mich dann auch: Junge, damit solltest du dich einmal auseinandersetzen. Ich habe keine Ahnung, was dabei herauskommen wird, aber ich versuche es einfach einmal.

Es geht um den Ausdruck, man sei „kein Single, sondern emotional unabhängig“.

Ich gebe zu, als ich das hörte, musste ich es erst einmal sacken lassen. Oberflächlich betrachtet hat diese Wortwahl ja durchaus etwas Humorvolles, denn damit sollte – im vorliegenden Zusammenhang – das Singledasein, welches ja eher einen etwas faden oder gar negativen Beigeschmack hat, auf lustige Weise ins Positive gerückt werden. Das konnte ich nachvollziehen und es brachte mir ein kurzes Lächeln auf die Lippen.

Doch als ich etwas darüber nachdachte, verging mir dieses Lächeln.

Was wird hier wirklich gesagt?

Single zu sein ist „eigentlich“ nicht schön und letztlich auch nicht so von Gott gewollt (siehe 1. Mose 2, 18: „Dann sprach Gott, der Herr: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt.“) Und, wir wollen uns nichts vormachen, so schön es vielleicht manchmal ist, seine komplette Ruhe zu haben und in den eigenen vier Wänden Tun und Lassen zu können, was man will, so kann mir doch niemand weissmachen, dass es in irgendeiner Weise erstrebenswert sei, allein und damit Single zu sein. Das entspricht nicht der menschlichen Natur. Natürlich ist mir durchaus bewußt, dass es auch gute Gründe geben kann, die für ein Leben als Single sprechen können. Ich erachte diese allerdings als Ausnahmen. Warum sonst hätten Online-Partnerbörsen und -Chatrooms solch enormen Zulauf, dass die diese betreibenden Unternehmen sogar in der Lage sind, für sehr viel Geld teure Fernsehwerbung zu schalten? Bestimmt nicht deshalb, weil ihnen die Kunden fehlen.

Wir stellen also fest: Singledasein ist nicht die optimale Lebensweise, egal ob gewollt oder ungewollt. Denn der Mensch ist zum „Gegenüber“ geschaffen (1. Mose 1, 27:  „So schuf Gott den Menschen als sein Ebenbild…“) – Ich verstehe dies hier nicht so, dass der Mensch WIE Gott ist, sondern wie ein Spiegelbild mein „Gegenüber“ ist. So ist der Mensch das Gegenüber Gottes. Und so braucht jeder Mensch deshalb auch ein „Gegenüber“, einen Partner, eine Partnerin, letztlich Gemeinschaft, um lebens- und überlebensfähig zu sein.

Nun ist hier ein alleinstehender Mensch, der von sich sagt, dass er „nicht Single, sondern emotional unabhängig sei“. Er versucht diesem Zustand etwas Positives auf humorvolle Weise abzugewinnen und so gegenüber seinem Gesprächspartner „besser“ dazustehen. So kommt es jedenfalls bei mir an.

Ich kann mir nicht helfen, aber dabei beschleicht mich ein eher schwermütiges Gefühl, das ich gar nicht genau beschreiben kann. Da ist auch etwas Mitleid enthalten. Traurigkeit und Mitgefühl für den Menschen, der diese Aussage macht. (Ein Hinweis an alle Singles, die nun völlig anderer Meinung sind: ich gebe hier meine ganz persönlichen Eindrücke wieder!)

Mit dem Ausdruck „emotional unabhängig“ soll ein Stück „Freiheit“ vermittelt werden. Unabhängigkeit eben. Das ist Freiheit, das ist Selbstbestimmtsein. Dinge, die „heutzutage“ einen recht hohen Stellenwert in allen Bevölkerungsschichten einnehmen. Unabhängig zu sein wird gern als erstrebenswert dargestellt. Es zeugt von Charakter und Durchsetzungskraft. Ich bin unabhängig von Zwang und habe meine Freiheit.

Aber ist das in diesem Fall tatsächlich so?

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Ich meine nach wie vor, hier wird etwas schön geredet. Für mich bedeutet der Ausdruck „emotional unabhängig“, ich habe keinen Menschen, an den ich emotional gebunden bin. Was heisst das?

Wenn ich einen Partner habe, den ich liebe und für den ich da sein kann und will, dann gehe ich mit diesem Menschen eine Verbindung ein. In 1. Mose 2, 24 steht: „Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden sein „ein“ Fleisch.“

Der Mann wird seiner Frau „anhangen“, eine „Verbindung eingehen“, „abhängig“ sein. (Umgekehrt gilt dies für die Frau natürlich auch). Diese Art „Abhängikeit“ ist, entgegen der Implizierung aus „emotional unabhängig“, eine positive Abhängigkeit. Eine Abhängigkeit, die beiden Partner gut tun wird und auf die sie nie wieder werden verzichten wollen.

Die verwendete Unabhängikeit unseres Beispiels jedoch wird wie etwas Negatives behandelt. Da ist etwas, von dem ein Unabhängigsein auf irgendeine Weise erstrebenswert ist. Ich denke, das ist aber genau der falsche Weg und bestätigt für mich die  Eingangs erwähnte Aussage, dass hier durch Worte eine Tatsache in ihr Gegenteil verkehrt werden soll bzw. worden ist.

Ein weiterer Aspekt: emotional.

Heisst das, dass der aussagende Mensch nicht FÄHIG ist emotionale Bindungen einzugehen? Wenn ich mich in der Welt umschaue und deren oftmals eisige Kälte spüren muss, dann kommt schon das Gefühl auf, als wäre die Fähigkeit zur emotionalen Bindung tatsächlich im Laufe der letzten Jahrzehnte weniger geworden.

Oder ist es vielleicht so, dass der Mensch gar keine emotionale Bindung eingehen WILL? Ich bin mir nicht sicher, welche dieser beiden Auslegungen die schlimmere wäre.

Ob es nun die eine oder die andere ist, ich halte keine von beiden für gut. Ich mag nicht glauben, dass wir nicht mehr in der Lage sein wollen oder können uns emotional auf einen Menschen einzulassen. Das dürfte, wenn es tatsächlich so ist, wohl eines der schlimmste Dinge sein, die uns Menschen passieren können!

Dennoch lassen sich solche Tendenzen in der gesamten Gesellschaft finden und erkennen. Und letztlich schlagen sie sich dann in solchen Unwörtern des Jahres wie sozialverträgliches Frühableben, Humankapital, Entlassungsproduktivität  und betriebsratsverseucht nieder. Es fehlt in all diesen Beispielen an etwas Wesentlichem, dass uns Menschen ausmacht und erst menschlich werden lässt: es fehlt an der Liebe. Liebe zum Nächsten, zu seinen Mitmenschen. Diese Liebe musste hier einer Sache weichen, die „aus der Welt“ stammt und die, gem. der Bibel, vom „Bösen“ selbst kommt: Die Rede ist vom Mammon, vom Geld.Es ist so: Geld regiert die Welt. Wohin wir schauen, geht es um Geld. Ob beim sozialverträglichen Frühableben (enorme Einsparungen bei den Pflege-, Kranken- und Rentenversicherungen), Humankapital (menschliches Arbeitskapital, das hemmungslos benutzt werden kann) oder bei der Entlassungsproduktivität (Kosteneinsparungen zur Steigerung der Erträge, also der Profite, auf Kosten von Menschen). Selbst bei betriebsratsverseucht (Abschaffung einer Institution, die im ursprünglichen Daseinssinn ein Mittel gegen die Ausbeutung darstellte) , geht es darum, mit dem „Humankaptial“ alles machen zu können, um – letztendlich – wiederum mehr Geld zu scheffeln.

Ich bin gewiss niemand, der gegen Gewinnerwirtschaftung ist. Aber ich bin jemand der gegen Gewinnerwirtschaftung um jeden Preis ist. Aber vor allen Dingen geht es mir darum, dass wir dem „Mammon“ mehr dienen, als Gott (Matthäus 6, 24 b: Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon)

Denn wenn wir dem Mammon mehr dienen als Gott, dann vergessen wir die Liebe. Ohne Liebe vergessen wir den Menschen. Und dann können (oder wollen) wir keine emotionalen Bindungen mehr eingehen. Und dann sind wir Singles, ohne es wirklich zu wollen. Aber dann müssen wir es. Und dann hilft es uns auch nicht, dies schön zu reden, in dem wir behaupten: „Ich bin kein Single, sondern emotional unabhängig“.

Bis demnächst

ein nachdenklicher Andreas

Inhaber DER christlichen Buchhandlung im Großraum Wolfsburg, Gifhorn, Braunschweig, Helmstedt.

SCM Shop Fallersleben
Buchhandlung Andreas König
Bahnhofstr. 10
Öffnungszeiten: Mo – Fr 9.00 Uhr bis 18.00 Uhr Sa 9.00 Uhr bis 13.00 Uhr, Tel. 05362 126280

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