Buchhandlung König

Roter Herbst in Chortitza

Tim Tichatzki blickt in eines der dunkelsten Kapitel europäischer Geschichte, und erzählt zugleich ein Stück eigener Familiengeschichte. Schonungslos, packend und herzergreifend zu lesen.


So steht es im Begleittext zu dem Buch, über das ich heute schreiben möchte. Hört sich total interessant an und macht neugierig. – Einzige „Mogelpackung“ dabei: das Wörtchen schonungslos.

Man liest so einfach darüber hinweg und nimmt es nicht zur Kenntnis. Zumindest was mich anbelangt, kann ich das so sagen. Ich habe wirklich darüber weg gelesen. Ob das nun ein Fehler war oder eher etwas Gutes an sich hatte, kann ich selbst im Nachhinein nicht sagen. Denn „Roter Herbst in Chortitza“ ist wirklich immer wieder schonungslos.

Es beschreibt die Geschichte deutschstämmiger Mennoniten in der Ukraine von 1919 bis in die Gegenwart. Was einerseits eine Familiengeschichte ist, die das Leben zwischen russischer Oktoberrevolution und zweiten Weltkrieg beschreibt, ist andererseits ein Stück Geschichte, die hier und heute gar (nicht mehr) bekannt ist. Ich kannte dieses Stück Geschichte jedenfalls nicht. Und nicht aus dieser Perspektive.

Und andererseits ist „Roter Herbst in Chortitza“ ein knallharter Blick in die Abgründe der „dunklen Seite“ der Menschheit. Sicherlich stehen die Russen, vertreten durch die Tschekas und den NKWD, im Vordergrund des biografischen Romans, aber auch die Deutschen als russische Besatzer und Judenvernichter sind nicht einen Deut besser.

Beim Lesen von „Roter Herbst in Chortitza“ musste ich oft schlucken und war geschockt. Ich habe die Lektüre mehrfach unterbrochen und musste das Buch zur Seite legen, um das Gelesene zu verarbeiten. Einige Beschreibungen der Gewalttaten nahmen mir den Atem und die Bilder vor meinem inneren Auge waren echt unangenehm. Besonders vor dem Zubettgehen, habe ich das Buch zum Schluss nicht mehr lesen wollen.

Wie schon gesagt, bietet das Buch neben der Familien- und Zeitgeschichte einen Blick in den Abgrund menschlicher Handlungen. Was jedoch das eigentlich Schlimme daran ist, dass, wenn ich heute die Zeitungen aufschlage, solche Meldungen immer noch an der Tagesordnung zu sein scheinen. Menschen werden gefoltert, gequält, verstümmelt und sinnlos getötet. Und bei den Tätern hat man oft das Gefühl, dass ihnen ihr ganzes Tun völlig am Allerwertesten vorbeigeht.

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Wer sagt, es gäbe „das Böse“ nicht, der lügt.

Doch ich will das Buch nicht schlecht machen. Wer die Zeit und die Leiden in der Ukraine in jenen Jahren halbwegs realistisch darstellen möchte, kommt wohl auch um drastische Beschreibungen nicht herum. Erst durch diese Beschreibungen lassen sich die Gefühle, die Ängste der Menschen dort erahnen. Wenn man ständig darauf gefasst sein muss, aus keinem ersichtlichen Grund verhaftet und verschleppt, getötet zu werden, dann ist das Leben wahrscheinlich alles andere als lebenswert.

Und doch gaben die Menschen nicht auf. Als Mennoniten dem in der Sowjetunion verbotenen christlichen Glauben nachzugehen, erforderte Mut. Und bei all der Gewalt um einen herum, die mennonitische Gewaltlosigkeit zu leben ohne vor Wut und Hass selbst zur Waffe zu greifen, muss wirklich schwer gewesen sein. Wir hier in unserem rosa Elfenbeintürmen machen uns einfach keine Vorstellungen von solchen Situationen.

Wer hart gesottener ist, als ich, der wird mit „Roter Herbst in Chortitza“ jedenfalls ein aufwühlendes Stück Zeitgeschichte „genießen“ können, erkennt, dass der Mensch, des Menschen größter Feind ist und erlebt, dass auch nach dunkelsten Zeiten immer wieder das Licht folgt.

Andreas

Roter Herbst in Chortitza
Tichatzki, Tim
Biografie
Brunnen Verlag
Februar 2018
Gebunden
464

1919. Ein Bürgerkrieg fegt mit aller Gewalt über das zerfallene Zarenreich. Gefangen zwischen den Fronten, finden die beiden Freunde Willi und Maxim ein von Soldaten zurückgelassenes Maschinengewehr. Für Maxim ein Geschenk des Himmels, für Willi die größte Herauforderung seines Glaubens, denn als Sohn mennonitischer Siedler hat er gelernt, jede Form von Gewalt abzulehnen. Eine Zerreißprobe für die Freundschaft der beiden Jungs.
Während Willis Familie in der aufkommenden Sowjetdiktatur ums nackte Überleben und um ihren Glauben kämpft, schlägt sich Maxim ausgerechnet auf die Seite des Regimes.
Beide wissen nicht, ob sich ihre Wege je noch einmal kreuzen werden. Zwei Lebenswege inmitten der sowjetischen Diktatur, die unterschiedlicher kaum sein könnten.
Tim Tichatzki blickt in eines der dunkelsten Kapitel europäischer Geschichte, und erzählt zugleich ein Stück eigener Familiengeschichte. Schonungslos, packend und herzergreifend zu lesen.

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