Wohin laufen sie denn?

So könnte man meinen, fragen sich die Volkskirchen angesichts der aktuell veröffentlichten Zahlen der Kirchenaustritte.

Bleiben in meiner Buchhandlung die Kunden weg, hat das immer Gründe. Diese herauszufinden kann gelingen, muss aber nicht. Um hier aussagefähige Analysen zu erhalten, muss ich u.a. in der Lage sein, eine möglichst objektive Haltung gegenüber der Sachlage einzunehmen.

Gibt es handfeste Gründe, warum die Menschen wegbleiben? Die berühmte Baustelle vor der Tür, wäre solch ein handfester Grund. Oder bin ich dazu übergegangen eintretende Menschen mit einem fröhlichen: „Na, du Spacko!“ zu begrüßen? Auch hier müsste ich nicht lange nach Gründen für das Fernbleiben fragen.

Diffiziler wird es, sobald eben keine (für mich) offensichtlichen Gründe vorliegen. Die Regale sind voll. Die Musik im Laden ist angenehm. Die Mitarbeiter sind freundlich. Die Lieferzeiten sind extrem schnell. Ich mache alles richtig.

Und nun kommt „der Blick von außen“ ins Spiel, die eben erwähnte „objektive Haltung“.

Meine Regale sind voll. Dunstabzugshauben aus feinstem Edelstahl. Damenunterwäsche von exquisiter Qualität. Sitzrasenmäher mit ökologischem Solarantrieb. Alles zu Top Preisen und mit exzellenter Beratung – trotzdem bleiben die Kunden weg. Das verstehe ich nicht.

Also gut. Bleiben wir objektiv.

Ich habe eine Buchhandlung. Wir haben den Ruf, besonders in Sachen christlicher Literatur und Geschenkartikel eine besondere Fachkompetenz zu haben. Entdecken Kunden bei uns nun die feinen Dunstabzugshauben, die Damenunterwäsche und die Sitzrasenmäher, die einen gleich hinter der Eingangstür in Empfang nehmen, dann stellen sich mir als Kunden ein paar Fragen.

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„Warum stehen hier Rasenmäher?“
„Damenunterwäsche in einer Buchhandlung?“
„Ich hatte hier gute Bücher und Geschenkartikel erwartet.“
„Warum muss ich mir jetzt Vorträge der Verkäuferin über die Vorzüge edelstahlbeschichteter Dunstabzugshauben anhören?“
„Weshalb muss ich unbedingt den solarbetriebenen Sitzmäher kaufen und mir sagen lassen, dass mein benzinbetriebener Rasenmäher daheim ein Umweltverschmutzer sei?“

Hier könnten z.B. Gründe für das Fernbleiben meiner Kunden zu finden sein: Ich habe meine Kernkompetenz und meine eigentliche Aufgabe verfehlt.

Wer in meine Buchhandlung kommt, möchte dort i.d.R. keinen Sitzrasenmäher erwerben, mag er noch so umweltfreundlich sein. Oder Damenunterwäsche. Dann ist es egal, ob diese unter fairen Bedingungen aus ökologisch wertvollen Rohstoffen hergestellt wurde. – Diese Dinge gehören nicht in eine Buchhandlung und als Kunde erwarte ich sie dort eben nicht. Sonst ginge ich in den Gartenmarkt oder in ein Geschäft für Feinwäsche.

Nach meinen bescheidenen Erkenntnissen und Wahrnehmungen haben die Großkirchen aber exakt dieses Problem. Sie haben sich von ihren Kernkompetenzen entfernt.

Es gibt eine ganze Reihe Themen, die von „der Kirche“ bespielt werden. Über Fragen der Geschlechtergerechtigkeit lässt sich trefflich disputieren. Umweltschutz und Bewahrung der Schöpfung sind wichtige Themen. Dialog mit Muslimen und anderen Religionen? Soll sein. Gesellschaftliche Strömungen wahrnehmen und beurteilen? Gehört zum Leben. Auf Demos gehen? Auch in Ordnung. Fridays for future Demos? Genderstudies? Parteienbashing? Bibelkritik? Gleichgeschlechtliche Partnerschaften? Teilnahme am CSD?

Zu allem kann Kirche etwas sagen. Und sie tut dies auch. – Aber muss sie das?

Wenn ich in meiner Buchhandlung „gegen“ mein Klientel handele, dann stimmen meine Kunden „mit den Füßen“ ab und bleiben weg. Passiert der Kirche derzeit das selbe? Kann sie die (wahren) Bedürfnisse ihrer Klientel nicht mehr bedienen? Bedient sie sie falsch? – Natürlich gibt es sicher mehr Gründe, die zum Weglaufen der Kirchenmitglieder führen. Aber fest steht doch, dass „irgendetwas“ falsch läuft. Und dies bekommen die Kirchen zu spüren. Das es sich dabei um eine allgemeine Glaubensmüdigkeit handelt, glaube ich nicht. Denn dann müssten die zahlreichen Freikirchen jenseits der Amtskirche ebenfalls einen Mitgliederschwund zu bedauern haben.

Dies scheint jedoch nicht der Fall zu sein. Das würde mir als Amtskirche zu denken geben. Vielleicht sollte man doch über die „Sitzrasenmäher“ und deren Verbleib im Angebot nachdenken?

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